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Geheimsprachen im Rheinland

 

Es gibt sie tatsächlich: Geheimsprachen im Rheinland - und es sind (oder besser: waren) viel mehr, als man sich gemeinhin vorzustellen mag. Die Karte gibt nur einen ungefähren Überblick über ehemalige und aktuelle Orte, in denen Rotwelsch gesprochen wird oder wurde:

 

Karten der alten Geheimsprachenorte im Rheinland

 

Für den heutigen Rheinländer kaum mehr vorstellbar: Vor nicht allzu langer Zeit gab es im Rheinland nicht wenige Orte, in denen Wanderhändlergemeinschaften lebten, die einen für Uneingeweihte unverständlichen Rotwelschdialekt sprachen. Die Abteilung für Sprachforschung ist unablässig auf der Suche nach den Resten dieser alten Geheimsprachen und ihrer Sprecher im Rheinland.

 

Rotwelsch ist ein Synonym für Geheimsprache, Händlersprache, Krämerlatein, Gaunersprache oder Kundensprache. Wie auch immer diese Sondersprachen genannt werden, sie haben Spuren hinterlassen in der Alltagssprache aller Rheinländer, ohne dass ihnen dies jedoch bewusst ist. Wer weiß schon, dass er, wenn er von malochen, schnorren, Knast, zappenduster, betucht, Pustekuchen, Pleite oder Kohldampf spricht oder Redewendungen wie es zieht wie Hechtsuppe, unter aller Sau oder zeigen, was eine Harke ist benutzt, sich ehemals gaunersprachlichen Wortinventars bedient, denn um nichts anderes handelt es sich hier. All diese Wörter sind Reflexe einer einmal weit verbreiteten, aus dem Mittelalter stammenden und Rotwelsch genannten Sprache, die schon Luther erforscht und dokumentiert hat.

 

Rotwelsch war und ist zum Teil noch heute die Sprache der Außenseiter, Diebe, Gauner, Landstreicher und Dirnen. Es wurde und wird als Code zur Geheimhaltung und als Erkennungszeichen und Gruppensymbol genutzt. Seine Sprecher lebten die meiste Zeit auf der Straße und gingen in ständig wechselnden Orten ihrem Lebensunterhalt nach. Dabei trafen sie auf andere, die ebenfalls - gezwungenermaßen - sehr mobil waren, jedoch durchaus ehrenwerten Berufen nachgingen. Der moderne Rheinländer macht sich keine Vorstellungen mehr, wie viele Menschen noch zu Beginn dieses Jahrhunderts auf und von der Straße lebten: Wandernde Hausierer, die mit der Kiepe, einem Handkarren oder einem kleinen Fuhrwerk unterwegs waren und von Knöpfen über Tonwaren bis zu Schinken und Käse nahezu alle Waren des täglichen Bedarfs im Angebot hatten. Es gab fahrende Wandergesellen der unterschiedlichsten Handwerksberufe, dazu Scherenschleifer, Kesselflicker, Akrobaten, Holzfäller, Kopfschlächter, Köhler, Mausefallenkrämer, Schirmmacher, Musikanten, Tuchhändler, Korbflechter und Bartscherer. Viele von ihnen lernten auf der Straße und und in den Herbergen die Geheimsprache der Fahrenden, und von ihnen wiederum lernten sie schließlich auch ihre Angehörigen zu Hause.  

 

So entstanden schließlich in einer ganzen Reihe von Orten im Rheinland Wanderhändlergemeinschaften, die auf ein bestimmtes Gewerbe spezialisiert waren. Und die Menschen, die in diesen Gemeinschaften lebten und arbeiteten, sprachen einen von ihrer örtlichen Mundart beeinflussten Rotwelschdialekt, der ihr ganz spezielles Merkmal war und der sie deutlich von der übrigen Bevölkerung abhob. Eine solche Geheimsprache, die meist nicht mehr als vierhundert rotwelsche Wörter umfasste, war im beruflichen Alltag sehr nützlich. Handwerker konnten damit vor Ort Pfusch und Schlamperei vertuschen, Hausierer konnten für ihre Kunden unverständliche Absprachen treffen, in Kneipen konnte man Berufsgeheimnissse vor Konkurrenten geheimhalten oder vor der Polizei Unregelmäßigkeiten verbergen.

Eine ganz besondere Geheimsprache haben in diesem Zusammenhang die Backofenbauer aus Bell bei Mayen in der Eifel entwickelt. Hierbei handelt es sich im eigentlichen Sinn nicht um einen Rotwelschdialekt, sondern um eine kunstvolle Umformung der örtlichen Mundart. Eine ausführliche Beschreibung des Lebber Talps findet sich hier.

 

Die meisten Wandergewerbe waren aus der Not geboren, ihre Existenz zeugte in der Regel von Armut und Unproduktivität einer Region. So wundert es nicht, wenn die Karte eine Häufung von Rotwelschorten im Süden der Eifel und auf dem Hunsrück offenbart, zwei im 18. und 19. Jahrhundert agrarisch und technisch sehr zurückgebliebene Regionen.

 

Die Abteilung für Sprachforschung hat im Rahmen eines großen Dokumentationsprojekts noch sechs dieser Rotwelschdialekte erforschen und dokumentieren können. Dass dabei auch noch Tonaufnahmen möglich waren, ist ein großer Glücksfall. Einer dieser Orte ist Neroth bei Daun in der Eifel. Er ist heute noch weit über die Grenzen des Rheinlands bekannt als Dorf der Mausefallenhändler. Hier hatten die Bewohner zu Beginn des 19. Jahrhunderts damit begonnen, eine kleine Heimindustrie für Drahtwaren aufzubauen, die im ambulanten Handel deutschlandweit vertrieben wurden. Sie waren damit sehr erfolgreich und haben durch ihr Wanderleben auf der Straße Rotwelsch gelernt. Ein kleiner Auszug aus dem dokumentierten Wortschatz soll beispielhaft für die vielen Rotwelschdialekte im Rheinland stehen:

 

botten, jebott essen Esch ha doft jebott.

Finkelmoss di unheimliche, unerträgliche Frau Dat es en Finkelmoss, bleif der danne.

flaaderen/fladdern, jefladdert waschen Do jonn esch mesch noch joot fladdern.

Fleeres dä Kaffee Isch han den dofte Fleeres jeschwäscht.

franken, jefrankt heiraten Die franken hout.

mallbuschen, jemallbuscht sich schön machen, in Schale werfen Dä hätt sich ma jemallbuscht. Kick es, wie dä jemallbuscht as.

Munnes,di Munnesse Laus Bleif fon däm wäk, dä hot Munnesse.

plattfeesele, jeplattfeeselt tanzen Mer woore jester plattfeesele.

Rankert dat, Rankerte Pferd.

Schäintje dat, Schäintjer Auge Esch  han et on et Schäintje jekuuft (auf das Auge geschlagen).

Schaskelebaies dat Kneipe, Wirtschaft.

schmäreschen rauchen Roon ees, wat-er Houts schmärescht.

schmuus lau sei ruhig,sag nichts (nur noch in dieser Wendung).

Schockeleschnall di Kartoffelsuppe Di Moss had-en doft Schockeleschnall jebosselt.

Schpoorkes/seltener Schpuurkes dat, Schpoorkese Schwein (sonst nur belegt für Wittlich).

Spuntes dat Geld Esch han Spuntes awoont.

schwämmessen, jeschwämmest fischen, angeln Mer joo schwämmessen.

verschaskeln, verschaskelt versaufen. Der Houts verschaskelt alles, wat-e Moss herbeidaleft.

Lit.:

Peter Honnen: Geheimsprachen im Rheinland. Eine Dokumentation der Rotwelschdialekte in Bell, Breyell, Kofferen, Neroth, Speicher und Stotzheim. (= Rheinische Mundarten, Band 10).  Köln 2. Aufl. 2000. Mit einer CD.