LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Erper Rollkies

Graue Kieselsteine

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte man einen Erper oder eine Erperin ganz einfach als Bewohner des Ortes 'entlarven' und von den Bürgern der umliegenden Dörfer Friesheim, Lechenich oder Liblar unterscheiden: Man musste ihn oder sie nur bitten, den Ortsnamen Erp auszusprechen. Dann wurde direkt das markanteste Dialektmerkmal sicht- bzw. hörbar: das gerollte r.
Denn im Gegensatz zu den Dialekten der meisten Städte und Dörfer der Region um Aachen, Bonn und Köln wurde das r im Erper Platt nicht als geriebenes Zäpfchen-r im Rachen ausgesprochen, sondern mit der Zungenspitze. Sie berührt bei dieser speziellen Ausspracheform den vorderen Teil des Gaumens hinter den Zähnen schnell mehrfach hintereinander, so dass es 'rollend' klingt.

Sowohl den Erpern selbst als auch den Bewohnern der Nachbarorte fiel dieser Unterschied in Gesprächen natürlich auf – und die erfindungsreichen Nachbarn gaben ihm dann vermutlich auch seinen Namen: Erper Rollkies. Wie so oft bei Bezeichnungen, die nur mündlich überliefert wurden, ist der Begriff nicht eindeutig zu entschlüsseln, die Wortgeschichte gibt einige Rätsel auf. Doch Josef Reger, Erper Bürger und guter Kenner der dortigen Mundart, hat eine Vermutung. In Erp gibt es seit 1946 eine Kiesgrube, die bis heute von dem Familienunternehmen Rhiem & Sohn betrieben wird. Und dort wurde (und wird) unter anderem Rollkies abgebaut und für die weitere Verarbeitung sortiert und veredelt. Das Rollen dieser runden Kiesel beim Sieben oder beim Beladen der Lastkraftwagen war also neben dem Rollen des r ein Geräusch, das die Bewohner der Nachbarorte als 'typisch Erp' empfunden haben. Und in der Bezeichnung "Erper Rollkies" für die rollende r-Aussprache wurden diese beiden Besonderheiten dann miteinander kombiniert.

Heute ist der (gesprochene) Erper Rollkies deutlich auf dem Rückzug – bereits die nach dem 2. Weltkrieg geborenen Dorfbewohner und erst recht die jüngsten Sprecher, die das Erper Platt zumeist gar nicht mehr erlernt haben, verwenden hauptsächlich das geriebene Rachen-r, das in der Umgebung üblicher ist. Doch im Bewusstsein vieler Erper Bürger ist das rollende r noch als besondere Eigenheit des Dorfdialekts verankert, auch wenn es nur noch von den ältesten Bewohnern des Ortes gesprochen wird.

Charlotte Rein

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