LVR-Institut für Landeskunde
und Regionalgeschichte
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Regiolekt im Rheinland

Woran denkt man beim Anblick von Reiner Calmund? Vielleicht nicht im ersten Moment, aber dann sicherlich sehr schnell an seine Sprache - und damit an das Rheinland. Dass der schwergewichtige ehemalige Manager des Fußballvereins Bayer Leverkusen als der Prototyp des Rheinländers gilt, liegt nicht etwa daran, dass er "rheinischer" spricht als andere, sondern dass er dies auch in Situationen tut, in denen man es nicht gewohnt ist: im Fernsehen und im Radio!

Reiner Calmund

Zitate wie "Dat durfte nit passieren. Isch kann misch nit erinnnern, dat mer schon ma so schlecht gespielt haben" könnte man auch in jeder samstäglichen Expertenrunde an den Stammtischen rund um Köln und Leverkusen hören. Viele Rheinländerinnen und Rheinländer sprechen so wie Reiner Calmund, ohne damit ein vergleichbares Aufsehen zu erregen: "Di sin sich am kloppen. Et bleibt heute nix übber. Die hat immer Brass mitte Füße. Die macht immer viel Jedöns um nix. Da bin ich fies für. Bis nach die Tage!" sind typische Wendungen für den sprachlichen Alltag in der Kneipe, beim Gespräch mit den Nachbarn oder beim Einkaufen. Man hört sie allerdings schon seltener in einer Bank oder beim Einwohnermeldeamt und schon gar nicht in der Schule, der Universität oder beim Gespräch mit dem Personalchef. Dann spricht man im Rheinland natürlich Hochdeutsch.

Im Alltag sprechen allerdings die wenigsten Rheinländer oder Rheinländerinnen Hochdeutsch und schon gar nicht Dialekt. Letzteren nicht, weil sie ihn nicht mehr können, ersteres nicht, weil es in vielen Situationen schlicht unpassend wäre. Sie haben sogar eigene Namen für diese Sprachform zwischen den Polen Mundart-Standardsprache geschaffen: Hochdeutsch auf Klumpen, Hochdeutsch mit Streifen, Hochdeutsch mit Knubbeln, Kuschlemusch. In diesen Bezeichnungen klingt allerdings eine leicht abwertende Haltung gegenüber dieser Sprachform an, die irgendwo im Niemandsland angesiedelt und weder richtiger Dialekt noch richtiges Hochdeutsch ist. Lange Zeit wollte sich niemand zu ihr bekennen, irgendwie war sie mit dem Ruch behaftet, eigentlich falsches Deutsch zu sein. Und das, obwohl sich ein legendärer Vorgänger von Reiner Calmund ebenfalls immer zu seiner sprachlichen Heimat bekannt hat: Konrad Adenauer:

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Konrad Adenauer

Vom Alten vom Rhein werden Sprüche kolportiert wie:
"Nehmen se de Menschen wie se sind. Andere jibt et nich. Dat is ne jroße Bluff. Die Frau Strauß schaut zu ihrem Mann erauf, un dat darf se nit. Dat war wieder ne jroße Erfolch für de Bundesrepublik. Han ich vielleicht wieder jemand vor den Kopf jestoßen?"

Der Altbundeskanzler ist lange eine singuläre Erscheinung geblieben. Das hat sich erst in den letzten Jahren geändert. Nicht nur Reiner Calmund ist dafür ein Beleg, auch die Comedy-Szene hat die rheinische Regionalsprache entdeckt. War der legendäre Jürgen von Manger noch konkurrenzlos, so kommt heute kaum ein Kleinkunsttheater ohne rheinische Töne aus. Selbst die Literatur hat die Umgangssprache entdeckt und nutzt sie als Mittel zur Schilderung des Lokalkolorits. Die Eifelkrimis von Jacques Berndorf, die Ruhrgebietkrimis von Jürgen Lodemann oder die Niederrheinkrimis von Leenders/Bay/Leenders sind dafür sprechende Beispiele. Ihr niederrheinisch sprechender Kommissar Ackermann klingt beispielsweise so:
"Ich war in eurem Altersheim. Et is ja doch wat komisch, wa? Ich sach ja immer, alles hinter Uedem is schon feindliches Ausland. Da hört der Niederrhein quasi schon auf. Ich weiß et nich, aber irgendwie is dat ja schon en anderer Menschenschlach."

Auch in den Tageszeitungen lässt sich ein eindeutiger Trend verfolgen. Vielfach werden hier regelmäßige Mundartkolumnen durch regionalsprachliche Beiträge abgelöst.

Was früher also als falsches Deutsch oder gar als soziales Stigma (wie beim Ruhrpöttischen) galt, scheint sich heute zum Element eines regionalen Sprachbewusstseins zu entwickeln. Die zunehmende Entdialektalisierung des Rheinlandes wertet offensichtlich die regional geprägte Umgangssprache als Moment der sprachlichen Identität auf. Damit gerät sie natürlich in den Focus der Sprachwissenschaftler im ARL. Sie fragen sich, wer im Rheinland diesen Regiolekt, wie sie diese Sprachform genannt haben, bei welchen Gelegenheiten spricht; ob es erkennbare Unterschiede zwischen den Generationen gibt; ob es regionale Unterschiede gibt; welche sprachlichen Merkmale ihn kennzeichnen; welche Einflüsse die alten Dialekte auf den Regiolekt haben; wie sich der Regiolekt entwickelt; welches Prestige diese Variante hat; wie Schule/Lehrer mit dem Regiolekt umgehen; wie Medien auf diese Sprachform reagieren.

Antworten auf diese Fragen finden sich in den Büchern "Rheinisches Deutsch" und "Der Niederrhein und sein Deutsch" (beide von Georg Cornelissen), die die Entwicklungen des Regiolekts im Rheinland und am Niederrhein nachzeichnen und aktuelle Trends beschreiben und analysieren. Darin finden sich auch die Sprachkarten zu regionalen Varianten der Wörter 'prahlen' und 'Bonbons'. Den dialektalen Wortschatz der rheinischen Umgangssprache dokumentiert das Regionalwörterbuch "Kappes, Knies & Klüngel" mit über 1500 Einträgen, der umgangssprachliche Gesamtwortschatz wird in einem neuartigen Online-Wörterbuch erfasst.