LVR-Institut für Landeskunde
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Inseldialekte im Rheinland

"Die häm ok op de Hött emer en bätn tosamn lääft..." - "...uns Kich hare mer rischtisch im Saischtall doo..."

Mit diesen beiden kurzen Ausschnitten aus zwei längeren Sprachaufnahmen könnte man mit Sicherheit auch die versiertesten Kenner der rheinichen Dialekte in die Irre führen. Denn dass der erste Satz von einem Düsseldorfer Zahnarzt und der zweite von einer niederrheinischen Hausfrau aus dem Kreis Kleve gesprochen wurde, scheint allen dialektgeographischen Einteilungsprinzipien für das Rheinland Hohn zu sprechen. Und doch handelt es sich hier um waschechte, in ihren Heimorten geborene Rheinländer.

Die Lösung des Rätsels ist einfach: Der Sprecher und die Sprecherin sind in so genannten Dialektinseln aufgewachsen, also in kleinen, räumlich eng begrenzten Mundartgebieten, deren Dialekte sich deutlich von den umgebenden Mundarten unterscheiden. Im Rheinland gibt es gleich zwei solcher Binnensprachinseln, die im europäischen Sprachraum einmalig und für Sprachwissenschaftler eine Sensation sind.

Karte mit den Orten, in denen ein Inseldialekt gesprochen wird (Pfälzische Sprachinsel) uoder wurde (Düsseldorf-Gerresheim: Hötter Platt).

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Der Düsseldorfer Sprecher stammt aus dem heutigen Stadtteil Gerresheim, in dem Hötter Platt gesprochen wurde. Hier war im Jahr 1864 die heute noch bestehende Heyesche Glashütte gegründet worden, die bald Anziehungsort für tausende Glasbläser vorrangig aus dem niederdeutschen Sprachraum östlich der Elbe war. Aus den verschiedenen niederdeutschen Dialekten der pommerschen, mecklenburgischen oder westpreußischen Glasmacher bildete sich schon nach kurzer Zeit eine Ausgleichsmundart, die auf der Hütte und in den neu errichteten Arbeitersiedlungen nahezu ausschließlich gesprochen wurde. Dieses Hötter Platt unterschied sich deutlich von dem ripuarisch geprägten Dialekt Düsseldorfs.

Die niederrheinische Sprecherin lebt in Louisendorf, einer der drei Orte in der pfälzischen Dialektinsel am unteren Niederrhein bei Kalkar. Hier war im 18. Jahrhundert eine Auswandergruppe aus der Bad Kreuznacher Gegend auf der Reise nach Amerika gestrandet und auf der damals wenig fruchtbaren Gocher Heide angesiedelt worden. Da sie als Protestanten auch im Laufe der nächsten zwei Jahrhunderte kaum Kontakt mit der überwiegend katholischen Bevölkerung in ihrer Nachbarschaft hatten, hat sich der pfälzische Dialekt in den so genannten Pfälzerdörfern - wenn auch mit einer Reihe kleverländischer Einsprengsel - bis heute erhalten. Anders als in Düsseldorf-Gerresheim, wo das Hötter Platt nahezu ausgestorben ist, kann man in Pfalzdorf, Louisendorf und Neulouisendorf den pfälzischen Inseldialekt im Alltag noch oft hören.

Seltsamerweise sind beide Sprachinseln selbst bei Mundartsprechern relativ unbekannt. Dabei sind sie etwas ganz Besonderes. Zwar kennt man solche Isolate überall auf der Welt, man denke an die vielen deutschen Sprachinseln in Norditalien, in Siebenbürgen, in Russland, in Nord- und Südamerika, ja selbst im Busch von Belize findet man Mennonitensiedlungen mit Namen wie Rheinland oder Krefeld, aber all dies betrifft eben Deutsch sprechende Menschen in einer völlig anders sprechenden Umgebung. Die beiden rheinischen Sprachinseln sind dagegen Isolate mit Sprechern, die ihre deutsche Mundart in einer eine deutsche Mundart sprechenden Umgebung unter dem gemeinsamen Dach der deutschen Standardsprache bewahrt haben. Eine solche Konstellation ist äußerst selten, wenn nicht sogar einmalig.


Literatur

Peter Honnen/Cornelia Forstreuter: Sprachinseln im Rheinland. Eine Dokumentation des Pfälzer Dialekts am unteren Niederrhein und des "Hötter Platt" in Düsseldorf-Gerresheim. (= Rheinische Mundarten, Band 7). Köln, 1994, Mit einer CD